Homöopathie

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Auszug aus einem Sonderdruck der AHZ Allgemeine Homöopathischen Zeitung

Himmel und Hölle
Opium in der Literatur und im vorgeburtlichen Erleben


von Hans-Lothar Michels

 

 

 

 

 

Traumatisierungen

Im Rahmen einer nunmehr mehrjährigen therapeutischen Körperarbeit habe ich erfahren,
das vorgeburtliches Erleben wie auch traumatische Prozesse unter der Geburt von eminenter Bedeutung für das spätere Leben unserer Patienten sind. Hier können Traumatisierungen stattfinden, die ihr gesamtes weiteres Dasein bestimmen.Viele Begegnungen mit Patienten in der Praxis belegen dies.

 

Kulturgeschichte

Mohnsamen sind ein "leckeres" Nahrungsmittel ohne psychoaktive Wirkungen, wenn aber die unreife Samenkapsel von Papaver somniferum eingeritzt wird, dann kommt es zu einer Ansammlung milchiger Substanz, die sich beim Aushärten dunkelbraun verfärbt.Es handelt sich hier um das Rohopium.

Seit fast 4000 Jahren wird nach unserem Wissen Opium als Schmerzmittel, Euphorikum, Aphrodisiakum sowie in rituellen Zusammenhängen verwendet. Dabei wurde Opium zunächst nicht geraucht, sondern man löste den schwarzen, klebrigen Pflanzensaft in Wein auf und trank die Mischung, oder aber man schluckte das Opium als Kügelchen...

Schon lange vor unserer Zeitrechnung war Opium als Substanz bekannt, die den Schlaf hervorruft. So weihten die Griechen den Mohn der Nyx, der Göttin der Nacht, dem Morpheus, der der Sohn des Hypnos ist, sowie dem Thanatos.
"Mohn war ein Symbol der prophetischen Träume schlechthin" [4: 407] und erhielt deshalb einen wesentlichen Platz unter den Kräutern, die die Priesterärzte zur Erzeugung des religiösen Heilschlafs verwendeten...

In der Neuzeit wandelte sich Opium zu einem Genussmittel und die Künstlerszene begann, mit dem Opium zu experimentieren. Es ging um die Erweiterung des Bewusstseins und die Steigerung der künstlerischen Kreativität.

Als einer der Ersten berichtete der englische Schriftsteller Thomas de Quincey (1785 - 1859) über seine Erfahrungen mit dem Opium.
1822 erschienen die "Bekenntnisse eines englischen Opiumessers",
1845 der Band : "Suspiria de Profundis".
De Quincey vergleicht die Wirkungen des Opiums mit der Trunkenheit, wie sie durch den Weingenuss erzeugt wird.Menschen, so führt er aus, seien durch die Nüchternheit benebelt und erst nach dem Genuss von Alkohol würden sie "ihr wahres Wesen enthüllen" [5: 152]. Jedoch verleite der Wein die Menschen zu Ausschweifungen und Dummheiten, er löse seine geistigen Kräfte auf, während Opium "die Erregung beruhigt und die Zerfahrenheit sammelt". "Um alles in einem Wort zusammenzufassen - ein Mensch der betrunken ist... befindet sich in einem Zustande, der den bloß menschlichen, nur zu oft sogar den brutalen Teil seines Wesens zur Herrschaft bringt...Der Opiumesser dagegen...fühlt den göttlichen Teil seines Wesens emporsteigen; das heisst, seine moralischen Gefühle verharren in einem Zustande wolkenloser Heiterkeit, und über allem glänzt das große Licht des erhabenen Geistes" [5: 153].
An anderer Stelle merkt er an: " Dagegen ist die durch das Opium hervorgerufene Ausdehnung liebreicher Gefühle kein fiebriger Anfall; nein - der gesamte Naturzustand kehrt zurück, in den unser Geist wieder gelangen würde, wenn jede Spur von Schmerz und Leid, die die Impulse eines ursprünglichen, guten und gerechten Herzens missleitet haben,
verwischt worden wäre." [4: 410].
Für De Quincey ist sein normales bürgerliches Leben die Hölle, sein Körpergefühl eine lebenslange Qual, so sehr, dass er beschließt, nach seinem Tod seinen Leichnam den Pathologen zur Verfügung zu stellen, um sich posthum für "die Qualen, die er mir bereitet hat"
[5: 171] zu rächen, Opium verwahre die Schlüssel zum Paradies, notiert er am Ende...

 

War Opium bisher in Form von Kügelchen, pur geschluckt oder in Wein aufgelöst konsumiert worden, so brachten die Reisenden aus Fernost Ende des 19. Jahrhunderts die Opiumpfeife mit nach Europa.
Das Opiumrauchen wurde zur Mode in den Künstlersalons. Jean Cocteau (1889 - 1963), Dichter, Romancier, Maler und Regisseur rauchte drei Pfeifen am Morgen, vier am Nachmittag und weitere drei in der Nacht [7: 112]. 1929 begann Cocteau mit der Behandlung seiner Sucht und berichtet darüber in seinem "Tagebuch einer Entzeihungskur". Es liest sich wie der Bericht über den Fall aus dem Paradies:

"Erwartet von mir nicht, dass ich Verrat übe ! Selbstverständlich belibt das Opium einzigartig und seine Euphorie dem Wohlbefinden des Gesunden überlegen.
Ich verdanke ihm meine vollkommenen Daseinsstunden... Das Leiden, ist es Lebensregel oder Poesie ?" [5: 174] "Zu den von Opium geheilten, die auf ihre Bemühungen stolz sind, gehöre ich nihct. Mich gereut´s, aus einer Welt vertrieben zu sein, neben der sich die Gesundheit ausnimmt, wie einer jener schädlichen Filme, in denen Minister ein Denkmal einweihen." [5: 177-179]
Und am Ende notiert er:"Nach der Entgiftungskur. Der schlimme Augenblick, die schlimmste Gefahr. Die Gesundheit mit diesem gähnenden Loch und einer grenzenlosen Traurigkeit. Die Ärzte überantworten uns in allerBiederheit dem Selbstmord." [5: 183].

Sicher stand der Opiumgenuss in engem Zusammenhang mit der Entstehung von Kunstrichtungen wie Symbolismus und Surrealismus. Für Charles Baudelaire war die Welt "une forêt de symboles" - ein Wald von Symbolen. Die Symbole werden in immer neuen Entsprechungen zusammengesetzt, in der Absicht, die Wirklichkeit zuvergeistigen.
Es geht um Kreativität und Spiritualität, um das Sich-Abheben von der bürgerlichen Welt.Aber -auch das ist Baudelaires Botschaft- eine sinnerfüllte Transzendenz ist nicht erreichbar, am Ende steht bei ihm immer der Absturz aus dem Paradies in die Hölle; er, der 1867 mit nur 46 Jahren stirbt, beschreibt in seinen Gedichten die Ausweglosigkeit seines Lebens.

 

Opium in der Homöopathie

Bisher galt Opium mehr als "kleine" Arznei, die bei bestimmten Indikatoren - Ileus, Folgen von Schreck usw.- verornet wurde. Masi-Elizalde war der Erste, der die Bedeutung von Opium betonte [3: 235 ff]. Ergeht dabei von den Prüfungssymptomen in Alles "Encyclopedia of Pure Materia Medica" aus. Die prüfer beschreiben das Gefühl, in einer wunderschönen, paradiesischen Welt zu sein, es fehlt ihnen nichts, sie bracuhen nichts, ein Gefühl der vollkommenen Ruhe und eines großen Friedens. Im Repertorium finden wir zum Beispiel:

Wie in einem Traum; Ekstase; Wahnidee,
er sei im Himmel; der Körper sei leichter
als Luft; liebevoll; voller zuneigung; Milde;
Phantasien, angebehm, hochfliegend.

Masi fasst es so zusammen: "Er fühlt sichwie im Himmel, es kann ihm nichts passieren. Er ist innerlich ruhig, glückselig wie in einem Traum. ...Der Mensch ist hier soweit entrückt, soweit im Himmel, das ihn alles, was hier auf Erden passiert, schon gar nihct mehr berührt. Deshalb ist er empfindungslos." [3: 236-237]
Aber es gibt noch einen zweiten Pol, und hier finden wir Symptome des Leidens.Die BEschwerden durch Schreck, die Krämpfe und die heftigen, krampfartigen Schmerzn. Typisch für den Schreck ist, das die Angst vor dem Schreckn bestehen bleibt.
Wahnidee - er würde ermordet werden; jeder um ihn herum sei ein Mörder; sieht Teufel; sieht Fratzen; er selbst sei tot.
Sankaran beschreibt u.a. Opium von diesem Pol aus und kommt zu folgendem Ergebnis:

"Das zentrale Thema ... ist intensives Leid,
Schmerz, Agonie, ein Zustand, der der
Hölle vergleichbar ist. Diese Art Leiden
steht meist in Zusammenhang mit der
Erfahrung von Tod und Sterben..." [6: 815]

Aber warum taucht am einen Pol von Opium ein Lebensgefühl wie im Paradies und am anderen ein Gefühl wie in der Hölle auf ?
Im Erleben von Schwangerschaft und Geburt werden alle Menschen mehr oder weniger mit diesen gefühlen konfrontiert. Grof hat durch seine Arbeiten die Grundlage für das Verständnis des prä- und perinatalen Erlebens gelegt. Den ursprünglichen Zustand in der Schwangerschaft, in der Mutter und Kind in symbiotischer Einheit leben, beschreibt er so: "Wenn sich keine störenden Reize bemerkbar machen, dann können die Lebensbedingungen für das kind nahezu optimal sein, es ist sicher und geborgen und alle seine Bedürfnisse werden kontinuierlich befriedigt. Die Grundmerkmale dieser Erfahrung sind ... starke positive Affekte (Friede, Gelöstheit, Ruhe, ozeanische Ekstase), das Empfinden, dass alles heilig ist, die Transzendierung von Raum und Zeit ... Es sei hervorgehoben, das nur pisoden des ungestörten embryonalen Daseins von Erfahrungen dieser Art begleitet werden.
Störungen der intrauterinen Existenz gehen einher mit überwältigenden Furchtgefühlen und paranoider Angst sowie mit Visionen ... von einer verseuchten und ungastlichen Natur sowie von heimtückischen Dämonen verschiedener Kulturen." [2: 92 ff]

Merkwürdig, wie sich die BEschreibungen Grofs mit unserem Arzneimittelbild von Opium decken. Sensibilisiert durch eigene psychotherapeutische Erfahrungen frage ich heute sehr genau nach der Schwangerschafts- und Geburtsanamnese meiner Patienten. Es sei auch darauf hingewiesen, dass das Erleben unserer Patienten vor und unter der Geburt miasmatische Prozesse auslösen kann. Dies wurde ausführlich von van der Zee dargestellt [8].
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Symptome, die in der psychotherapeutischen Körperarbeit erscheinen, zur Arzneimittelfindung zu verwenden. Auf diese Weise habe ich Opium mehrfach bei chromischen Kranksheitsverläufen als heilende Arznei gefunden.

Masi und Sankaran beschreiben jeweils nur Pole des Arzneimittelbildes. Es geht aber darum zu verstehen wie diese Pole zusammengehören.Nicht nur das Erleben unserer Patienten, sondern auch die Sichtung reichhaltiger Literatur zum Thema liefert den Schlüssel:
Irgendwann einmal wird ein Mensch aus dem Lebensgefühl des Aufgehobenseins und der Geborgenheit herausgerissen.Im Repertorium finden wir:

Beschwerden durch Kränkung, Tadel,
Heimweh, Misshandlung, Scham, Tod von
geliebten Personen und Schreck.

Die Konfrontation mit der irdischen Realität wird als Schock erlebt, der Absturz in ein Erleben, das gemessen an dem vorherigen Zustand als Hölle empfunden wird.
Die körperlichen Symptome im Opiumbild lassen sich leicht in dieses Konzept einordnen:

Krämpfe bzw. die krampfartigen Schmerzen,
die Symptome der Lähmung an verschiedenen Organen.

Die verletzte Seele jedoch bewahrt dich in diesem Zustand die Erinnerung an das vormalige (vermeintliche) Paradies. Es bleibt die Sehnsucht nach Ruhe, Frieden und Geborgenheit, die Suche nach einem Paradies fernab irdischer Existenz...

 

Literatur

[1] Baudelaire C.: Die Blumen des Bösen, Zürich: Diogenes, 1982

[2] Grof S: Die moderne Bewusstseinsforschung und das Überleben der Menschheit
In: Grpf S (Hrsg):Die Chance der Menschheit, München: Kösel; 1988

[3] Masi-Elizalde A: Überarbeitung der Lehre, Materia Medica und Technik
der Homöopathie. Höhr Grenzhausen: Sylvia Faust; 1993

[4] Rätsch C: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau: AT-Verlag; 1998

[5] Reavis E (Hrsg.): Rauschgiftesser erzählen. Berln:Rixdorfer Verlagsanstalt, 1981

[6] Sankaran R: Einblicke in s Pflanzenreich Bd.2. Mumbai: Homoeopatic Medical
Publishers; 2003

[7] Seefelder M: Opium. Eine Kulturgeschichte. Landsberg: Ecomed
Verlagsgesellschaft; 1996

[8] Van der Zee H: Miasms in Labour. Utrecht: Stichting Alonnissos; 2000
Dt. Übersetzung Van der Zee H: Die Geburt - eine Reise durch die Miasmen.
Stuttgart: Sonntag; 2003

[9] Wasson RS, Hofmann A, Ruck CAP: Der Weg nach Eleusis. Frankfurt: Insel; 1984

 

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